ALS MASCHINIST AUF DER JOHANN SMIDT: OHNE STAMMCREW GEHT ES NICHT

Jungen Menschen auf See ein außergewöhnliches Ereignis zu bieten, die Erziehung durch die See, das steckt hinter der Idee „Sail Training“. Ohne erfahrene Stammcrews geht dies nicht. Viele Stammcrewmitglieder haben selbst als Trainee auf Traditionsschiffen erste Seeluft geschnuppert, andere Stammcrewmitglieder sind erfahrene Berufsseeleute. Oft ergibt sich hieraus eine tolle Mischung unterschiedlicher Charaktere, Berufe und Generationen innerhalb der Stammcrew, die dann den Jugendlichen – den Trainees – umso vielfältigere Eindrücke und Fertigkeiten vermitteln kann. Sail Training lebt von der Begeisterung der Stammcrew, die ehrenamtlich ihre Begeisterung für die Traditionssegelei weitergibt. Wie viel dies auch der Stammcrew geben kann, hat Reiner Maue, Maschinist auf der „Johann Smidt“ unseres Mitgliedsvereins CLIPPER Deutsches Jugendwerk zur See e.V. in einem Bericht geschildert.

Es ruft mich an Bord – immer noch und immer wieder

So geht das nicht weiter!

Ich muss etwas gegen den alltäglichen Trübsinn tun, der mich immer wieder zwischen den mit Autos zugeparkten Häuserschluchten befällt, und ich muss zugleich etwas gegen den Ingrimm in meiner an Land trockengelegten Seemannsseele unternehmen, denn ich merke, wie allein moralisch geprägte Rücksichten gegenüber meiner Umwelt mich in der Spur eines ganz normalen routinemäßigen Alltagslebens hier an der Küste in der schönen Fördestadt Flensburg halten.

Eines wird mir klar: Ich muss wieder an Bord, muss das gurgelnde Geräusch des an der Bordwand entlanggleitenden Seewassers hören und mir den dieselgeschwängerten Geruch des Maschinenraumes mit seiner typischen Lärmkulisse durch die Nase ziehen lassen.

Um es kurz zu machen: Es ruft mich zurück an Bord. Und der Ruf ist so unwiderstehlich wie der vor mehr als 50 Jahren, als ich in Hamburg am Altonaer Seemannsheim vor dem Küstenmotorsegler „Minna Catharina“ stand, und meinen Pappkoffer an Deck stellte. Lange ist es her, aber niemals vergessen, denn auch meine Sehnsucht heute nach dem nassen und salzigen Teil unseres Planeten ist und bleibt Bestandteil meiner Gefühlswelt.

Wie sollte sich aber diese Sehnsucht nach Wind und Wellen im Rentenalter erfüllen? Um Himmels willen nicht als Passagier auf Kreuzfahrern, nicht auf diesen schwimmenden Hotelanlagen, mit Spielsälen, Shoppingcentern, Fress- und Sauftempeln. Dergleichen beleidigt mein seemännisches Wertgefühl als technischer Salzbuckel. Da tat sich überraschenderweise eine Problemlösung in Gestalt des Toppsegelschoners „Johann Smidt“ vom Verein „Clipper“ auf. Hier fand ich mein vertrautes Betätigungsfeld wieder und das Meer begrüßte mich auch gleich mit stürmischem Wetter, als ich zu meiner ersten Reise in Las Palmas auf Gran Canaria an Bord ging.

Ich fuhr wieder zur See, wenngleich nur zeitweise über wenige Wochen, aber immerhin jeweils so lange, dass sich der alte Seemannsgang wieder einstellte. Nun gehörte und gehöre ich zur Stammcrew des 36 m langen Zweimasters „Johnny“, wie wir von der Stammcrew den Großsegler liebevoll nennen, und befahre nicht nur die europäischen Küsten, sondern auch die Karibik mit den „Inseln über den Winden“, von Kuba zum Nordatlantik bis zu den Bahamas und Bermudas. Und wir von der Crew sind nicht allein an Bord, sondern mit uns fahren bis zu dreißig zahlende Mitsegler, die sogenannten „Deckshands“, aus allen Bevölkerungsschichten und Jahrgängen.

Für uns Männer von der Besatzung, zumeist ex-Seeleute aus der Handelsmarine, gelegentlich eine Steuerfrau oder eine Köchin, erfüllt sich nicht nur der Wunsch nach einer zeitweisen Rückkehr ins feuchte Element der Erde und in unsere seemännische Vergangenheit, sondern zugleich beleben sich all die alten Bilder und Erinnerungen aus den Tiefen des Gedächtnisses. Sie sprechen von überstandenen Abenteuern an Bord oder auf Landgängen in fernen und exotischen Ländern, von guten Tagen und kritischen Momenten im Bordbetrieb. All das taucht aus dem Nebel der Erinnerung auf und besänftigt die Wehmut nach alten Zeiten in unseren Herzen.

Da macht es absolut nichts aus, dass ich und die ganze Stammcrewbesatzung des Schiffes unsere Arbeitskraft, Erfahrung und Kenntnisse für „Gotteslohn“ zur Verfügung stellen und darüber hinaus auch in der Winterzeit ebenfalls fast die gesamten anfallenden Reparaturen, Instandhaltungen und Umbauten mit unserer altersgemäßen, aber noch beeindruckenden und respektablen Leistungskraft durchführen. Diese Arbeiten und die Einsätze in der Fahrt mag ich genau so wenig missen wie meine Kameraden an Bord, denn all das wirkt auf mich wie ein Jungbrunnen und gibt meinem Alter noch einen wertvollen Lebenssinn. Ich erlebe und wiederbelebe dadurch die vertraute, für mich eigentlich untergegangene Arbeits- und Lebenswelt mit ihren verloren geglaubten Gefühlswelten in einer angenehmen, atmosphärisch entspannten Betriebsamkeit mit guten Kameraden, die nicht selten zu Freunden geworden sind.

Das ist die Heuer, die mir ausgezahlt wird. Sie ist von größerem Wert als eine gefüllte „Lohntüte“, denn wir, meine alten Kameraden und ich, in unserem Rentenalter, leben nicht oder nicht mehr für die Zukunft, sondern dafür, dass uns eine glückliche Vergangenheit bleibt, die uns in der Erinnerung Freude, aber auch so manches Mal Trost in allen Lebenslagen spenden kann.

 

Wer wie Reiner Maue bei CLIPPER mitsegeln möchte, kann dies noch dieses Jahr tun. So sind etwa auf der „Johann Smidt“ bei dem Törn von Rostock nach Danzig in der Zeit vom 25.06. bis 02.07. noch Plätze frei. Auch für die Teilnahme am STI-Race werden noch Mitsegler gesucht. Dieser Törn beginnt am 25.08. in Rendsburg und endet am 05.09. in Göteburg. Die Anmeldung ist über die Homepage des Vereins CLIPPER (www.segelverein.org) oder über dessen Geschäftsstelle (Tel. 040 822 781 03) möglich. Beide Törns können für Jugendliche durch die S.T.A.G. bezuschusst werden.